Kurzgeschichten aus der Apotheke — Teile 3–7

Blutregen, Cholin/Codein, “Ich habe ein Problem!”, Der Spritzer, Die Wurzel allen Übels

Photo by Suzy Hazelwood from Pexels

Teil 3: Blutregen

Ein Mann trat an den HV-Tisch und legte mir ein Rezept hin. Als ich ihn begrüßte, sah ich, dass Blut aus seinem Mund lief.

Teil 4: Cholin/Codein

Es gibt Kunden, bei denen hofft man, dass der Kelch an einem vorüber geht und sie zum Kollegen gehen. Und manchmal wird die Hoffnung jäh zerstört und der Kelch landet direkt in deiner Hand. Bzw. die Kundin an meinem HV-Tisch. Wegrennen zwecklos.

“Ich will mein Codein abholen, das ich telefonisch bestellt habe!”

Widerwillig nannte sie mir ihren Namen und ich ging nach hinten, um ihr Codein zu holen. Doch da war kein Codein. Ich suchte und suchte, aber fand kein Codein. Also holte ich mir Hilfe von unserer PKA und wir suchten und suchten, aber fanden es beim besten Willen nicht.

“Wann hatten Sie das Codein denn bestellt?”, fragte ich nach.

“Nicht Codein. Cholin”, erwiderte sie genervt.

Sie sprach es mit K aus.

“Wo sind die Smileys hin, können Sie die zurückholen?”

Ihr wütendes Gesicht erhellte sich nicht, als sie mein strahlendes Gesicht erblickte.

“Nein, leider nicht”, entgegnete ich.

Natürlich sehr bedauernd.

“Dann bekommen Sie halt beim nächsten Mal eine Bewertung von mir!”

Sie war rot vor Zorn.

“Ich freue mich schon darauf”, war meine freundliche Antwort

Diese Antwort war nicht nach ihrem Geschmack. Wütend stampfte sie Richtung Ausgang.

Teil 5: “Ich habe ein Problem!”

Eine 50 jährige Frau kam zu mir an den HV-Tisch und begann das Gespräch mit dem folgenden Satz:

“Ich habe ein Problem!”

Jeder, der in der Apotheke arbeitet, weiß genau was jetzt kommt. Denn, als würden sich alle Kunden absprechen, bedeutet dieser Satz immer, dass etwas Rezeptpflichtiges benötigt wird, man aber kein Rezept hat.

“Ja, bitte?”

“Es ist so: Ich habe kein Utrogest mehr und mein Frauenarzt ist leider nicht da”, erklärte sie mir.

“Dann müssten Sie zu einem anderen Arzt gehen, der Ihnen das verordnet.”

Liebend gerne hätte ich erwidert: “Das Wort rezeptpflichtig bedeutet, dass ein Rezept Pflicht ist”, aber ich sagte es ihr nicht.

“Ich soll einfach zu einem anderen Arzt gehen, der mich gar nicht kennt?”

“Ganz genau. Denn abgesehen davon, dass ich Sie auch nicht kenne, würde ich mich sogar noch strafbar machen, wenn ich Ihnen das rezeptpflichtige Arzneimittel ohne Rezept geben würde.”

Sie war empört.

“Das ist ja unglaublich. Ich fasse es nicht! Hier komme ich nie wieder her!

“Das ist bedauerlich”, sagte ich nicht ganz ehrlich.

Verständnislos drehte sie sich um und ging. Den kompletten Weg vom HV-Tisch bis zur Tür schüttelte sie ihren Kopf, als wäre sie ein Heavy-Metal-Fan.

Teil 6: #DerSpritzer

Ein älterer Mann, den ich noch nie zuvor gesehen hatte, kam auf mich zu und wollte mir etwas überreichen. Reflexartig nahm ich es entgegen.

“Entsorgen Sie das!”

Keine Bitte, sondern ein Befehl. Ich hielt es ihm hin und sagte, dass wir keine Altmedikamente entgegen nehmen würden.

“Sie sind dazu verpflichtet!”

“Nein, wir sind nicht dazu verpflichtet und Spritzen nehmen wir sowieso nicht an.”

Viele Menschen haben in ihrem Kopf, dass man alte Arzneimittel einfach in der Apotheke abgeben kann, wenn man sie nicht benötigt hat. Das mag in einigen Apotheken so sein, aber wir nehmen keine mehr an. Früher ja, jetzt nicht mehr. Dazu kommt, dass bei Spritzen immer die Gefahr besteht, dass man sich an der Nadel verletzen kann.

“Doch Sie sind dazu verpflichtet!”

“Sie können die Spritzen ganz normal über den Hausmüll entsorgen, der wird verbrannt”, erklärte ich ihm.

Er ließ nicht locker.

“Sie entsorgen das. Ich nehme die Spritzen nicht wieder mit.”

Ich wurde leicht wütend aufgrund seines unverschämten und respektlosen Verhaltens. Ich gab ihm mehr als deutlich zu verstehen, dass er sie gefälligst wieder an sich nehmen solle. Doch das interessierte ihn nicht. Er ging gleichgültig Richtung Ausgang. Dreckig lachend.

Teil 7: Die Wurzel allen Übels

Ring. Telefon.

“Guten Tag.”

“Guten Tag, Peppa Wutz am Apparat.”

“Guten Tag, Frau Wutz, was kann ich für Sie tun?”

“Ich wollte fragen, ob sie mir eine Vaginalcreme herstellen könnten. Aus Yamswurzel.”

“Aus Yamswurzel? Eine Vaginalcreme?”

“Ja, meine homöopathische Ärztin hat mir das empfohlen, weil ich keine Östrogene nehmen will. Ich will keine Chemie.”

Meine Schwurbelsirene ertönte in just diesem Moment.

“Wir sollen Ihnen eine homöopathische Yamswurzelvaginalcreme herstellen, verstehe ich Sie da richtig?”

“Nein, nicht homöopathisch. Nur halt ohne Chemie.”

“Ohne Chemie wird das schwierig, denn alles ist Chemie. Moment, ich schaue mal nach, wie das so mit den Studien ist. Ob es da einen Wirknachweis gibt.”

Kleine Nachtmusik.

“Tut mir leid, es gibt keine nachgewiesene Wirkung.”

“Sie wissen ja, wie das mit den Studien ist.”

“Nein, wie denn?”

“Na, die meisten sind gefälscht.”

“Nein, das entspricht im Großen und Ganzen nicht der Wahrheit. Auch wenn es vereinzelt gefälschte Studien gibt, wie die von Wakefield zum Beispiel.”

“Davon weiß ich nichts. Aber vielen Dank für Ihre Hilfe.”

“Gerne.”

“Auf Wiederhören.”

“Auf Wiederhören.”

Puh, keine Yamswurzelvaginalcremerezeptur.

#DerApotheker — Artikel auf deutsch — Impressum & Friend-Links: https://medium.com/@ApothekerDer/impressum-friend-links-f885bf830d09 oder als Featured Article.

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