“Ich hätte gerne Nicotiana Comp Globuli zur Raucherentwöhnung!”

Geschichte aus der Apotheke — Teil 7

“Ich hätte gerne Nicotiana Comp Globuli zur Raucherentwöhnung!” Homöopathie, DerApotheker,
Bild von Ralf Kunze auf Pixabay

“Ich hätte gerne Nicotiana Comp Globuli zur Raucherentwöhnung!”

Das Wort “Globuli” sorgt bei mir dafür, dass der Kunde vor dem HV-Tisch gleich unsympathischer wirkt. Ob ich es will oder nicht. Meistens fühle ich mich durch dessen Art bestätigt, aber manchmal führt auch meine daraufhin kühlere Art zu einem unsympathischeren Auftreten meines Kundens. Selbsterfüllende Prophezeiung.

“Diese Globuli gehören nicht ins Reich der Homöopathie, sondern ins Reich der Anthroposophie. Sie sind nicht für die Raucherentwöhnung vorgesehen, jedoch helfen sie zur Raucherentwöhnung genauso gut, wie alle anderen Placebokügelchen.”

Sie starrte mich ungläubig an. Ich hielt ihrem Blick stand. Mindestens 20 Sekunden lang. 20 sehr langsam vergehende Sekunden. Ich schlug vor, dass sie es mit (richtiger) Medizin probieren könne, zum Beispiel mit Nicotinkaugummis.

“Dann hätte ich gerne Aconitum-Globuli”

Leicht genervt, riss ich mich zusammen, lächelte und säuselte sie an:

“OK, Gerne! Welche Potenz hätten Sie gerne?”

“Haben Sie eine D3? Oder eine C200?”

Bei der Potenz D3 wird die Urtinktur 1:10 verdünnt. Diese Verdünnung wird wieder 1:10 verdünnt und die daraus entstehende Verdünnung ein letztes mal 1:10 verdünnt. Es befindet sich also noch “Wirkstoff” in der Verdünnung. Leider nicht der richtige, aber das ist halt so bei der Homöopathie. Da noch Moleküle vorhanden sind wirkt eine D3-Potenz nach der Homöopathen-Logik schwach.

“Es tut mir fürchterlich leid, aber ich habe weder eine D3 noch eine C200. Aber eine D12 hätte ich da!”

“Dann nehme ich die!”

Ein Heilpraktiker hätte an diesem Punkt potenzierte Schnappatmung bekommen und Hahnemann sich in seinem Grab geschüttelt.

“Guten Tag, ich habe eine bronchiale Infektion”, sagte die Frau zu mir.

Ich fragte nach den genauen Symptomen, aber sie unterbrach mich und sagte:

“Ich brauche eine homöopathische Impfung für drei Monate!”

Uff, das war mir dann zu viel. Der Traubenzucker war noch nicht ins Gehirn gelangt und es war mir nicht möglich, eine weiteres Pokerface für länger als zehn Sekunden aufzusetzen.

“Ich hole Ihnen mal meine Kollegin, die kennt sich da besser aus.”

Ich ging also nach hinten und bat meine Kollegin den Fall zu übernehmen. Nicht die USK. Die war nicht da. Nein, meine andere Kollegin. Sie verwechselt zwar auch den Placeboeffekt mit der angeblichen Wirkung der Homöopathie, aber immerhin berät sie nicht aktiv zur Homöopathie und versucht alle davon zu überzeugen.

“Kann ich machen, aber ein bisschen solltest du dich schon mit der Homöopathie auskennen.”

“Ich weiß alles, was ich darüber wissen muss”, erwiderte ich.

Die Homöopathie hat keine Wirkung, die über den Placeboeffekt hinausgeht.

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