Die Chinesin und das Geld

Kurzgeschichten aus der Apotheke — Teil 1

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Version vom 26.12.2019 — Bitte bis ganz nach unten scrollen. Danke.

Eine junge Chinesin, ca. 25 Jahre alt, kam zu mir in die Apotheke. Ihr Akzent war amerikanisch. Meiner eine Mischung aus allen Netflix-Serien.

So gut wie alle Apothekengeschichten, in denen chinesische Touristen vorkommen, fangen gleich an:

Sie kommen meist in Gruppen in die Apotheke und ihre Blicke wandern vom Smartphonedisplay zu den Regalen. Sobald einer zu mir an den HV-Tisch kommt, wird mir eben dieses Display vors Gesicht gehalten.

Auf diesem ist fast immer eine chinesische Webseite geöffnet, die deutsche Apothekenprodukte empfiehlt. Davon scheint es einige zu geben.

Fun Fact: Ich kenne keine einzige deutsche Webseite, die chinesische Apothekenprodukte empfiehlt. Ihr etwa?

Während Touristen aus Russland haufenweise Vitamine von Orthomol kaufen, holen Chinesen sich vor allem deutsches China-Öl und Ajona Zahncreme.

Doch diese junge Dame hatte kein Interesse an unserem guten deutschen China-Öl. Sie zeigte mir ihr Smartphone, auf dem eine Gesichtscreme von La Roche Posay zu sehen war. Obwohl ich als Mann ja eigentlich keine Ahnung von Gesichtspflege haben dürfte, kenne ich mich — als unser größter Kunde-, doch relativ gut aus. Wir fanden deshalb die passende Creme und sie war glücklich.

Als es dann ans Bezahlen ging, kramte sie aus ihrem Portemonnaie die ihr unbekannten Münzen heraus. Doch leider fehlten ihr drei Euro und ihre Kreditkarte hatte sie im Hotel vergessen.

Der Kunde an der Kasse nebenan, ein Mann Mitte 40, ritt zu uns herüber, stieg von seinem weißen Ross und fragte mich, wie viel Geld denn fehlte.

Ich nannte ihm den Betrag und er legte die fehlenden drei Euro auf den Zahlteller. Die Chinesin guckte verdutzt und bedankte sich bei ihm.

Da sie jedoch noch ein paar Münzen in den Tiefen ihrer Designertasche fand, hatte sie nach dem Bezahlen noch ca. 70 Cent übrig.

Sie schaute mich an, schaute das Geld an und wollte Rat von mir, ob sie ihm das Wechselgeld geben solle.

Ich erwiderte achselzuckend: I would.

Das hat sie dann auch gleich eingesehen.

Also wartete sie brav, bis er mit dem Bezahlen fertig war und drückte ihm die 70 Cent in die Hand.

Sie verließen gemeinsam die Apotheke. Händchenhaltend.

Natürlich nicht händchenhaltend. Das ist doch kein Film.

Ich fand es nett von ihm, dass er für eine Fremde einsprang und ihr aushalf. Was mich aber verwundert hatte, war, dass sie auch nur darüber nachdachte, die 70 Cent zu behalten.

Dafür gab es dann keine Taschentücher geschenkt.

Über Ovations würde ich mich freuen. Danke! 😘 #DerApotheker

#DerApotheker — Artikel auf deutsch — Impressum & Friend-Links: https://medium.com/@ApothekerDer/impressum-friend-links-f885bf830d09 oder als Featured Article.

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